Wann ist eine Handlung gut?
Es gibt traditionell gesehen verschiedene Möglichkeiten für die moralische Bewertung einer Handlung:
1.) Tugendethik
Eine Handlung ist gut, wenn Sie aus einer Tugend oder Gewohnheit heraus geschieht, die als „gut“ bezeichnet werden kann. Diese Position vertritt z.B. Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik. Diese Tradition wird von Kant kaum erwähnt, da er sich vor allem für die Handlung aus Freiheit, nicht innerhalb eines Kontextes, einer Gewohnheit oder Tugend interessiert.
2.) Utilitarismus, allgemeiner formuliert: Konsequentialismus
Eine Handlung wird an ihrem Resultat bewertet; ob das Resultat nützlich oder irgendwie sonst „gut“ ist.
Diese Theorie wird bis heute in der Ökonomie mit der allerdings zunehmend kritisierten, weil zu einfachen Idee des Homo Oeconomicus, also eines Nutzenmaximierers diskutiert.
Die Schwäche dieser Theorie für Kant: Es ist möglich trotz eines bösen Willens, Gutes oder Nützliches zu erreichen.
3.) Deontologie:
Es zählt die Absicht, der Wille oder die Pflicht hinter einer Handlung
Geschieht eine Handlung aus einem guten Willen, einer guten Absicht oder einer guten Pflicht heraus, ist die Handlung gut.
Doch was heisst das allgemein? An welchem Kriterium kann man erkennen, ob ein Wille, Absicht oder Pflicht gut sind?
Hier formuliert Kant seinen berühmten Kategorischen Imperativ, für Kant das grundlegende Prinzip der Moral:
«Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.»
Nur wenn die Maxime, also die Absicht oder das Prinzip aus der eine Handlung heraus geschieht, ein allgemeines Gesetzt werden könnte, kann sie als «gut» bezeichnet werden.
Goldene Regel versus Kategorischer Imperativ
Gelegentlich wird der Kategorische Imperativ mit der goldenen Regel aus dem Volksmund verglichen:
«Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu.»
Man kann sich tatsächlich einige Parallelen zwischen diesen beiden Prinzipien vorstellen.
Der Kategorische Imperativ geht jedoch sehr viel weiter:
Es geht im Gegensatz zur Goldenen Regel nicht um die persönliche Präferenzen, die vielleicht im Widerspruch zu denen anderer Menschen stehen könnten.
Sondern: Es geht um die Möglichkeit, dass das Prinzip hinter einer Handlung – die Maxime – das Potential hat, ein allgemeines Gesetzt für alle zu werden.
Der kategorische Imperativ in der Kritik der praktischen Vernunft ist damit universell zu verstehen und nicht wie die Goldene Regel auf die Partikularinteressen oder -präferenzen einzelner Individuen reduziert.
Dialektik der reinen praktischen Vernunft: Was darf ich hoffen?
In der Kritik der praktischen Vernunft behandelt Kant auch die Fragen nach der Unsterblichkeit der Seele, die Freiheit und die Existenz Gottes.
Während er in seinem ersten Hauptwerk, der Kritik der reinen Vernunft zeigen konnte, dass diese Ideen der Unsterblichkeit der Seele, Freiheit und Gott in der Theorie – als Konstrukte einer reinen, in die Irre geführte Vernunft – widersprüchlich und daher unhaltbar sind, sind sie für Kant für die praktische Vernunft, bzw. für die Moralphilosophie notwendige Voraussetzungen.
Am einfachsten ist dieser Gedanke an der Idee der Freiheit zu sehen.
Mit der reinen, theoretischen Vernunft kann man beides beweisen: Die Existenz eines freien Willens, gleichermassen wie die Existenz eines durch Naturgesetze bestimmten und daher unfreien Willens.
Hinsichtlich der praktischen Vernunft dagegen, kann man keine moralische Bewertung oder Verantwortung sehen, wenn nicht vorausgesetzt wird, dass das handelnde Individuum in seinen Entscheidungen frei ist.
Methodenlehre: Skizze eines Konzeptes moralischer Erziehung
Im sehr kurzen letzten Teil der Kritik der praktischen Vernunft, der Methodenlehre, entwirft Kant ein knappes Konzept der moralischen Erziehung, mit dem junge Menschen dazu angeregt werden sollen, ihre Urteilskraft mit Blick auf moralische Fragen auszubilden.
Weitere Informationen
Mehr Informationen zur Kritik der praktischen Vernunft findest Du auf Wikipedia.
Wir empfehlen zur Lektüre der KpV die Ausgabe des Meiner Verlages für Philosophie.
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