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Autor:

Stefan Zweig

SprecherIn:

Marit Persiel

Hörbuch-LÀnge:

19 Stunden 19 Minuten

Marie Antoinette: Bildnis eines mittleren Charakters (Stefan Zweig)

Autor: 

Stefan Zweig

Sprecher: 

Marit Persiel

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19 Stunden 19 Minuten

Kategorie:

Literatur

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Über dieses Hörbuch

Einleitung

Die Geschichte der Königin Marie Antoinette schreiben, heißt einen mehr als hundertjĂ€hrigen Prozeß aufnehmen, in dem AnklĂ€ger und Verteidiger auf das heftigste gegeneinander sprechen. Den leidenschaftlichen Ton der Diskussion verschuldeten die AnklĂ€ger. Um das Königtum zu treffen, mußte die Revolution die Königin angreifen, und in der Königin die Frau. Nun wohnen Wahrhaftigkeit und Politik selten unter einem Dach, und wo zu demagogischem Zweck eine Gestalt gezeichnet werden soll, ist von den gefĂ€lligen Handlangern der öffentlichen Meinung wenig Gerechtigkeit zu erwarten. Kein Mittel, keine Verleumdung gegen Marie Antoinette wurde gespart, um sie auf die Guillotine zu bringen, jedes Laster, jede moralische Verworfenheit, jede Art der PerversitĂ€t in Zeitungen, BroschĂŒren und BĂŒchern der »louve autrichienne« unbedenklich zugeschrieben; selbst im eigenen Haus der Gerechtigkeit, im Gerichtssaal, verglich der öffentliche AnklĂ€ger die »Witwe Capet« pathetisch mit den berĂŒhmtesten Lasterfrauen der Geschichte, mit Messalina, Agrippina und Fredegundis. Um so entschiedener erfolgte dann der Umschwung, als 1815 abermals ein Bourbone den französischen Thron bestieg; um der Dynastie zu schmeicheln, wird das dĂ€monisierte Bild mit den öligsten Farben ĂŒbermalt: keine Darstellung Marie Antoinettes aus dieser Zeit ohne Weihrauchwolke und Heiligenschein. Preislied folgt auf Preislied, Marie Antoinettes unberĂŒhrbare Tugend wird ingrimmig verteidigt, ihr Opfermut, ihre GĂŒte, ihr makelloses Heldentum in Vers und Prosa gefeiert; und reichlich mit TrĂ€nen genetzte Anekdotenschleier, meist von aristokratischen HĂ€nden geklöppelt, umhĂŒllen das verklĂ€rte Antlitz der »reine martyre«, der MĂ€rtyrerkönigin.

Die seelische Wahrheit liegt hier wie meist in der NĂ€he der Mitte. Marie Antoinette war weder die große Heilige des Royalismus noch die Dirne, die »grue« der Revolution, sondern ein mittlerer Charakter, eine eigentlich gewöhnliche Frau, nicht sonderlich klug, nicht sonderlich töricht, nicht Feuer und nicht Eis, ohne besondere Kraft zum Guten und ohne den geringsten Willen zum Bösen, die Durchschnittsfrau von gestern, heute und morgen, ohne Neigung zum DĂ€monischen, ohne Willen zum Heroischen und scheinbar darum kaum Gegenstand einer Tragödie. Aber die Geschichte, dieser große Demiurg, bedarf gar nicht eines heroischen Charakters als Hauptperson, um ein erschĂŒtterndes Drama emporzusteigern. Tragische Spannung, sie ergibt sich nicht nur aus dem Übermaß einer Gestalt, sondern jederzeit aus dem MißverhĂ€ltnis eines Menschen zu seinem Schicksal. Sie kann dramatisch in Erscheinung treten, wenn ein ĂŒbermĂ€chtiger Mensch, ein Held, ein Genius in Widerstreit gerĂ€t zur Umwelt, die sich zu eng, zu feindselig erweist fĂŒr seine ihm eingeborene Aufgabe – ein Napoleon etwa, erstickend im winzigen Geviert von St. Helena, ein Beethoven, eingekerkert in seine Taubheit – immer und ĂŒberall bei jeder großen Gestalt, die nicht ihr Maß und ihren Ausstrom findet. Aber ebenso ergibt sich Tragik, wenn eine mittlere oder gar schwĂ€chliche Natur in ein ungeheures Schicksal gerĂ€t, in persönliche Verantwortungen, die sie erdrĂŒcken und zermalmen, und diese Form des Tragischen will mir sogar die menschlich ergreifendere erscheinen. Denn der außerordentliche Mensch sucht unbewußt ein außerordentliches Schicksal; seiner ĂŒberdimensionalen Natur ist es organisch gemĂ€ĂŸ, heroisch oder, nach Nietzsches Wort, »gefĂ€hrlich« zu leben; er fordert die Welt durch den ihm innewohnenden gewaltigen Anspruch gewaltsam heraus. So ist der geniale Charakter im letzten nicht unschuldig an seinem Leiden, weil die Sendung in ihm diese Feuerprobe mystisch begehrt zur Auslösung einer letzten Kraft; wie der Sturm die Möwe, so trĂ€gt ihn sein starkes Schicksal stĂ€rker und höher empor. Der mittlere Charakter dagegen ist von Natur aus auf friedliche Lebensform gestellt, er will, er benötigt gar nicht grĂ¶ĂŸere Spannung, er möchte lieber ruhig und im Schatten leben, in Windstille und gemĂ€ĂŸigten Schicksalstemperaturen; darum wehrt er sich, darum Ă€ngstigt er sich, darum flĂŒchtet er, wenn ihn eine unsichtbare Hand in ErschĂŒtterung stĂ¶ĂŸt. Er will keine welthistorischen Verantwortungen, im Gegenteil, er fĂŒrchtet sich vor ihnen; er sucht das Leiden nicht, sondern es wird ihm aufgenötigt; von außen, nicht von innen wird er gezwungen, grĂ¶ĂŸer zu sein als sein eigentliches Maß. Dieses Leiden des Nicht-Helden, des mittleren Menschen sehe ich, weil ihm der sichtliche Sinn fehlt, nicht als geringer an als das pathetische des wahrhaften Helden und vielleicht noch als erschĂŒtternder; denn der Jedermannsmensch muß es allein fĂŒr sich austragen und hat nicht wie der KĂŒnstler die selige Rettung, seine Qual in Werk und ĂŒberdauernde Form zu verwandeln.

Wie einen solchen mittleren Menschen aber manchmal das Schicksal aufzupflĂŒgen vermag und durch seine gebietende Faust ĂŒber seine eigene MittelmĂ€ĂŸigkeit gewaltsam hinauszutreiben, dafĂŒr ist das Leben Marie Antoinettes vielleicht das einleuchtendste Beispiel der Geschichte. Die ersten dreißig ihrer achtunddreißig Jahre geht diese Frau gleichgĂŒltigen Weg, allerdings in einer auffĂ€lligen SphĂ€re; nie ĂŒberschreitet sie im Guten, nie im Bösen das durchschnittliche Maß: eine laue Seele, ein mittlerer Charakter und, historisch gesehen, anfangs nur Statistenfigur. Ohne den Einbruch der Revolution in ihre heiter unbefangene Spielwelt hĂ€tte diese an sich unbedeutende Habsburgerin gelassen weitergelebt wie hundert Millionen Frauen aller Zeiten; sie hĂ€tte getanzt, geplaudert, geliebt, gelacht, sich aufgeputzt, Besuche gemacht und Almosen gegeben; sie hĂ€tte Kinder geboren und sich schließlich still in ein Bett gelegt, um zu sterben, ohne wahrhaft dem Weltgeist gelebt zu haben. Man hĂ€tte sie als Königin feierlich aufgebahrt, Hoftrauer getragen, aber dann wĂ€re sie ebenso dem GedĂ€chtnis der Menschheit entschwunden wie alle die unzĂ€hligen andern Prinzessinnen, die Marie-Adelaiden und Adelaide-Marien und die Anna-Katharinen und Katharina-Annen, deren Grabsteine mit lieblosen kalten Lettern ungelesen im Gotha stehen. Nie hĂ€tte ein lebendiger Mensch das Verlangen gefĂŒhlt, ihrer Gestalt, ihrer erloschenen Seele nachzufragen, niemand hĂ€tte gewußt, wer sie wirklich war, und – dies das Wesentlichste – nie hĂ€tte sie selber, Marie Antoinette, Königin von Frankreich, ohne ihre PrĂŒfung gewußt und erfahren, wer sie gewesen. Denn es gehört zum GlĂŒck oder UnglĂŒck des mittleren Menschen, daß er von selbst keinen Zwang fĂŒhlt, sich auszumessen, daß er nicht Neugierde fĂŒhlt, nach sich selber zu fragen, ehe ihn das Schicksal fragt: ungenĂŒtzt lĂ€ĂŸt er seine Möglichkeiten in sich schlafen, seine eigentlichen Anlagen verkĂŒmmern, seine KrĂ€fte wie Muskeln, die nie geĂŒbt werden, verweichlichen, bevor sie nicht Not zu wirklicher Abwehr spannt. Ein mittlerer Charakter muß erst herausgetrieben werden aus sich selber, um alles zu sein, was er sein könnte, und vielleicht mehr, als er selber frĂŒher ahnte und wußte; dafĂŒr hat das Schicksal keine andere Peitsche als das UnglĂŒck. Und so, wie sich ein KĂŒnstler manchmal mit Absicht einen Ă€ußerlich kleinen Vorwurf sucht, statt eines pathetisch weltumspannenden, um seine schöpferische Kraft zu erweisen, so sucht sich das Schicksal von Zeit zu Zeit den unbedeutenden Helden, um darzutun, daß es auch aus brĂŒchigem Stoff die höchste Spannung, aus einer schwachen und unwilligen Seele eine große Tragödie zu entwickeln vermag. Eine solche Tragödie und eine der schönsten dieses ungewollten Heldentums heißt Marie Antoinette.

Denn mit welcher Kunst, mit welcher Erfindungskraft an Episoden, in wie ungeheuren historischen Spannungsdimensionen baut hier die Geschichte diesen mittleren Menschen in ihr Drama ein, wie wissend kontrapunktiert sie die GegensĂ€tze um diese ursprĂŒnglich wenig ergiebige Hauptfigur! Mit diabolischer List verwöhnt sie erst diese Frau. Als Kind schon schenkt sie ihr einen Kaiserhof als Haus, der HalbwĂŒchsigen eine Krone, der jungen Frau hĂ€uft sie verschwenderisch alle Gaben der Anmut, des Reichtums zu und gibt ihr ĂŒberdies ein leichtes Herz, das nicht fragt nach Preis und Wert dieser Gaben. Jahrelang verwöhnt sie, verzĂ€rtelt sie dieses unbedachte Herz, bis ihm die Sinne schwinden und es immer sorgloser wird. Aber so rasch und leicht das Schicksal diese Frau auf die höchsten Höhen des GlĂŒcks emporreißt: um so raffiniert grausamer, um so langsamer lĂ€ĂŸt es sie dann fallen. Mit melodramatischer Kraßheit stellt dieses Drama die Ă€ußersten GegensĂ€tze Stirn an Stirn; es stĂ¶ĂŸt sie aus einem hundertzimmerigen Kaiserhause in ein erbĂ€rmliches GefĂ€ngnisgelaß, vom Königsthron auf das Schafott, aus der glĂ€sern-goldenen Karosse auf den Schinderkarren, aus dem Luxus in die Entbehrung, aus Weltbeliebtheit in den Haß, aus Triumph in die Verleumdung, immer tiefer und tiefer und unerbittlich bis in die letzte Tiefe hinab. Und dieser kleine, dieser mittlere Mensch, plötzlich inmitten seiner Verwöhntheit ĂŒberfallen, dieses unverstĂ€ndige Herz, es begreift nicht, was die fremde Macht mit ihm vorhat, es spĂŒrt nur eine harte Faust an sich kneten, eine glĂŒhende Kralle im gemarterten Fleisch; dieser ahnungslose Mensch, unwillig und ungewohnt alles Leidens, wehrt sich und will nicht, er stöhnt, er flĂŒchtet, er sucht zu entkommen. Aber mit der Unerbittlichkeit eines KĂŒnstlers, der nicht ablĂ€ĂŸt, ehe er nicht seinem Stoff die höchste Spannung, die letzte Möglichkeit entrungen, lĂ€ĂŸt die wissende Hand des UnglĂŒcks nicht von Marie Antoinette, ehe sie diese weiche und unkrĂ€ftige Seele nicht zu HĂ€rte und Haltung gehĂ€mmert, ehe sie nicht alles, was von Eltern und Urahnen an GrĂ¶ĂŸe in ihrer Seele verschĂŒttet lag, plastisch herausgezwungen hat. Aufschreckend in ihrer Qual erkennt endlich die geprĂŒfte Frau, die nie nach sich gefragt, die Verwandlung; sie spĂŒrt, gerade da ihre Ă€ußere Macht zu Ende geht, daß in ihr innen etwas Neues und Großes beginnt, das ohne jene PrĂŒfung nicht möglich gewesen wĂ€re. »Erst im UnglĂŒck weiß man wahrhaft, wer man ist«, diese halb stolzen, halb erschĂŒtterten Worte springen ihr plötzlich vom staunenden Munde: eine Ahnung ĂŒberkommt sie, daß eben durch dieses Leiden ihr kleines mittleres Leben als Beispiel fĂŒr die Nachwelt lebt. Und an diesem Bewußtsein höherer Verpflichtung wĂ€chst ihr Charakter ĂŒber sich selber hinaus. Kurz bevor die sterbliche Form zerbricht, ist das Kunstwerk, das ĂŒberdauernde, gelungen, denn in der letzten, der allerletzten Lebensstunde erreicht Marie Antoinette, der mittlere Mensch, endlich tragödisches Maß und wird so groß wie sein Schicksal.

Weitere Werke findest Du hier: Stefan Zweig: HörbĂŒcher.

Andrea Anderheggen
Andrea Anderheggen
Verfasser, andrea@fliegenglas.com
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